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„Genosse“ Theoretiker und praktischer Genossenschaftler

Die Trierer Lunch Lecture thematisiert Marx und Raiffeisen

Trier – Dieses Jahr werden beide 200 Jahre alt. Der eine ist in der ganzen Welt bekannt, bei dem anderen denken die meisten an eine Bank: Karl Marx und Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Die Trierer Lunch Lecture, organisiert vom Themenschwerpunkt Arbeit der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) Trier, hat sich mit den beiden Denkern am 19. Juni beschäftigt. Die verlängerte Mittagspause mit Vortrag, Diskussionsrunde und gemeinsamem Mittagessen stand unter dem Titel „Wer ist der bessere Genosse?“. Gastredner Norbert Friedrich, Diplom-Volkswirt und Vorstand der Volksbank Trier, versuchte anhand von fünf Kriterien eine Antwort auf diese Frage zu finden.
Beiden seien in eine Zeit hineingeboren, in der sich die Arbeitswelt stark veränderte und sich die Agrargesellschaft zu einer Industrie- und Marktgesellschaft entwickelte. Die Lösungsansätze, das Leben der Menschen zu verbessern, seien ganz unterschiedlich gewesen, sagte Friedrich. Er bezog sich dabei auf das bald erscheinende Buch „200 Jahre Raiffeisen und Marx: Reformer und Revolutionär“ von Susanne Bauer, die ebenfalls an der Lunch Lecture teilnahm. Raiffeisen hatte vor allem die Bauern im Blick und entwickelte ein Genossenschaftssystem, das auf diese Bevölkerungsgruppe zugeschnitten war. Dafür gründete er Darlehnskassen und Hilfsvereine, um etwa arme Bauern durch Kredite längerfristig zu unterstützen. „Er setzte nicht auf Staatshilfe, sondern auf Selbsthilfe“, erklärte Friedrich die genossenschaftliche Idee. Marx habe dagegen die Lösung in der Übernahme der politischen Macht durch die Arbeiter selbst gesehen. Am Ende dieser Revolution sollten die Diktatur des Proletariats (Arbeiterklasse) und der Kommunismus stehen.

Friedrichs spielerischer Vergleich endete 5:1 für Raiffeisen, wobei er natürlich nicht ganz objektiv sei, wie er zugab. Doch der Punkt für „Lösungsansätze“ gehe klar an Raiffeisens Genossenschaftsmodell, das im kapitalistischen Wirtschaftssystem ohne Einschränkung der Menschenrechte funktioniere. Jeder vierte Deutsche sei heute Mitglied einer Genossenschaft, weltweit seien es eine Milliarde Mitglieder. Marxs Modell konnte nie ganz umgesetzt werden; seine Ideen wurden später für Revolutionen und Diktaturen missbraucht. Während eine gewaltsame Revolution für Marx ein notwendiges Mittel zur Umsetzung war, bedeutete sie für den religiösen Raiffeisen ein Schreckensszenario. Raiffeisen betonte christliche Solidarität und Nächstenliebe als effektivsten Weg, um die Klassengegensätze zu überwinden und integrierte christliche Werte in seinen Vereinen. Sowohl Religion wie die Genossenschaften gingen für Marx nicht weit genug - er pochte auf allgemeine gesellschaftliche Veränderungen. Auch wenn Marx ein großer Denker seiner Zeit sei, habe er die Veränderungsmöglichkeiten des Kapitalismus nicht gesehen, bedauert Friedrich: „Ich hätte mir gewünscht, dass er noch einen Gedanken mehr in diese Richtung abgewogen hätte, um herauszufinden, dass man auch mit Genossenschaften und nicht nur mit einer sozialistischen Revolution die Welt verbessern kann.“ Bei der Diskussionsrunde war sich der ebenfalls anwesende Trierer Oberbürgermeister Wolfram Leibe sicher: „Wenn die beiden Jungs sich zusammengetan hätten, wäre es ideal gewesen. Der eine für kurzfristige Verbesserungen der sozialen Frage und der andere als Denker, der ein bisschen weitergedacht hat.“ (dk)